Nervensystem · Persönlich
Ich dachte, ich kenne mich ziemlich gut. Und dann hat mir eine Erklärung über mein Nervensystem gezeigt, dass mein Körper schon längst entschieden hatte - bevor ich auch nur einen Gedanken fassen konnte.
Heute Morgen habe ich wieder prokrastiniert.
Fokusmusik an, Lieblingsduft im Diffuser - ich hatte wirklich alles vorbereitet, den perfekten Setup. Und dann. Instagram. Wie das immer so passiert, weisst du? Kurz schauen, und plötzlich sind zwanzig Minuten weg und du weisst nicht mal genau was du gesehen hast. Irgendwas mit einem Hund und einer Küche und einem Reel das du dir drei Mal angeschaut hast, obwohl du nicht mal weisst warum.
Früher wäre an dieser Stelle Frau Müller aufgetaucht - das ist mein Name für mein altes Ich, mit verschränkten Armen, enttäuschtem Blick und der vollständigen Liste aller Dinge die ich heute wieder nicht gemacht habe, fein säuberlich geordnet nach Wichtigkeit und verpasster Gelegenheit. Frau Müller war sehr gut in ihrem Job.
Heute habe ich geschmunzelt.
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Zwanzig Minuten später sitze ich immer noch am gleichen Schreibtisch, der Kaffee ist kalt geworden und der Duft im Diffuser läuft noch, und ich denke: okay, was war das gerade eigentlich? Nicht anklagend, sondern einfach neugierig. Das ist der Unterschied.
Ich habe dieses neugierige Hinschauen statt sofort verurteilen in einem Kurs über das Nervensystem gelernt, und ich erinnere mich noch genau an den Moment, als Britta Kimpel erklärt hat, was in meinem Körper passiert, wenn ich prokrastiniere.
Dein Nervensystem entscheidet schneller als dein Verstand - viel schneller - und in etwa 14 Millisekunden bewertet dein Körper eine Situation als sicher oder als Bedrohung, bevor du irgendeinen Gedanken dazu fassen konntest.
Das bedeutet: In dem Moment, wo ich Instagram geöffnet habe, hatte mein Körper bereits entschieden, nämlich dass «Newsletter schreiben = potenziell gefährlich» bedeutet, also Sichtbarkeit, Bewertung, vielleicht nicht gut genug sein. Und mein Verstand kam erst danach - und hat sich eine passende Geschichte dazu gebaut.
«Ich bin nicht so richtig im Flow heute.» «Vielleicht später.» «Kurz schauen schadet nicht.»
Keine Gründe, sondern Schadensminimierung.
Als strategisch-technische Person hat mich das ehrlich gesagt ein bisschen geärgert, weil mein eigener Körper Entscheidungen trifft ohne mich zu fragen - und wir haben danach ein ernstes Gespräch geführt, mein Körper und ich.
Ich sitze am Schreibtisch, Fokusmusik an, und dann spüre ich es - dieses leichte Wegdriften, diese plötzliche Idee dass ich eigentlich noch schnell etwas anderes erledigen könnte - und ich kenne das jetzt, ich erkenne es fast in dem Moment wo es passiert. Und dann mache ich etwas, das so unspektakulär ist, dass ich mich fast schäme es zu erzählen, nämlich ich halte inne, fünf bis zehn Sekunden, manchmal mit einer kleinen Übung die ich gelernt habe und die so klein ist, dass niemand es sieht - und dann kann ich meistens wieder.
Nicht weil der Widerstand komplett verschwunden wäre, das wäre gelogen, aber ich bin schneller wieder bei mir, weil der Abstand zwischen «Körper drückt auf Bremse» und «ich merke es» kleiner geworden ist, und das macht einen grösseren Unterschied als ich gedacht hätte.
Frau Müller schaut manchmal noch vorbei, und ich biete ihr einen Kaffee an, wir reden kurz - und dann schicke ich sie wieder nach Hause.
Prokrastination ist nicht dein Charakterfehler, sondern eine biologische Reaktion, die schneller passiert als jeder Gedanke und älter ist als jede Gewohnheit. Und wenn du einmal verstehst, was da wirklich passiert - nicht im Kopf, sondern im Körper - dann verändert sich etwas, nicht alles auf einmal und nicht für immer, aber genug, damit du weniger mit dir haderst und Frau Müller manchmal einfach stehen lässt und zwanzig Minuten nach dem Instagram-Loch wieder an den Schreibtisch sitzt und anfängst.
Mit kaltem Kaffee. Aber trotzdem.
Neugierig geworden?
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Barbara Schweizer
Business Aufbau · Marketing · Nervensystemcoaching
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